Wir: Kleines Wort, große Lüge

Die kritische Analyse zeigt, wie das Wort wir als mächtiges Werkzeug missbraucht wird, um staatliche Macht zu legitimieren und Verantwortlichkeiten zu verschleiern.

Politiker lieben ein Wort ganz besonders: wir. Wer es hört, fühlt sich sofort angesprochen. Wir suggeriert die Zugehörigkeit zu einer konformen Mehrheit der „Guten“ und grenzt diese von den wenigen „Bösen“ ab. Damit erfüllt das Wort wir eine Schlüsselfunktion bei der Gleichschaltung und in kollektivistischen Ideologien – von der Demokratie und dem Sozialismus bis hin zum Faschismus und Nationalismus.

Das Wort „wir“ ist den meisten Menschen in Fleisch und Blut übergegangen. Es wird daher völlig unkritisch und oft widersinnig verwendet. Selbst Kritiker des Staates nutzen häufig dieses „Wir“, wenn sie eigentlich „sie“ – im Sinne einer klar abgrenzbaren, anderen Gruppe – meinen. Deutlich wird das mit Blick auf die Coronazeit, über die selbst Angehörige des Widerstands folgende Formulierungen verwenden:

Das Wort wir ist in westlichen Staaten untrennbar mit dem kollektivistischen Konzept der „Gesellschaft“ verbunden, dem von den Herrschenden alle „Rechtsunterworfenen“ – also Staatsbürger und im Staatsgebiet aufhältige Menschen – zugerechnet werden. Wir impliziert zudem die Anerkennung staatlicher Institutionen wie „Polizei“, „Gerichten“ oder „Politikern“ sowie staatlichen Riten wie „Wahlen“ zur „Legitimation“ von Macht und Gewalt.

Außerdem eignet sich das Wort wir, um die Absichten bestimmter Akteure zu verschleiern, indem sie als kollektiver Wille der „Gesellschaft“ deklariert werden. Ein Beispiel dafür ist die Formulierung von Bill Gates im Tagesschau-Interview vom 12. April 2020: wir werden den zu entwickelnden Impfstoff letztendlich 7 Milliarden Menschen verabreichen (englisches Originalzitat: this is a vaccine we’re gonna give to 7 billion people).

Das Kollektivpronomen wir eignet sich ideal, um Tatsachen und Intentionen zu verbergen sowie Schuld und Verantwortlichkeit zu verschieben. Seine Verwendung in Kontexten, in denen eigentlich ein sie gemeint ist, erschwert eine differenzierte Diskussion und verunmöglicht die klare Benennung von Verantwortlichen und Tätern. Daher sollte wir, wenn überhaupt, nur wohlüberlegt genutzt und jede Verwendung des Wortes durch den Staat und seine Akteure kritisch hinterfragt werden.